Managua, 10.Januar 03
Moin, Moin
Es
ist angerichtet!
Es ist angerichtet. Wer kommen will kann kommen und ist herzlich eingeladen. Das Gästezimmer hat ein richtiges Bett, ein eigenes Bad und natürlich ein Moskitonetz plus Luxusventilator. Tja da fragt Ihr euch nun wie das ging?
Also
wie alle wissen sind wir am Nikolaustag ausgereist. Mit Zwischenstop in Madrid,
wo wir unseren Flittertag verbracht haben, feisten Iberico und Chorizo
verspeisten und uns ein bisschen in Madrid umgeguckt haben, dann ging es am 7.
weiter nach Nicaragua. Leider über Miami, weil Big Brother sich in die Hosen
scheisst und alles kontrollieren will, mussten wir in die USA einreisen und
wieder ausreisen – alles voll ohne Sinn – Hauptsache Datenspuren hinterlassen.
Kaugummikauendes befehlsempfangendes Gesindel arbeitet da – Hirn abgeschaltet.
Die einzige Bedingung bei der Migra zu arbeiten ist derzeit, dass niemand einen
höheren IQ als George doubleU haben darf, also unterhalb einer guten
teutonischen Waschmaschine liegen muss. Also Leute versucht nicht über Miami zu
fliegen.
Wir also weiter nach Nicaragua, endlich wieder im Flieger und Ankunft in Managua International Airport – 0:30 Ortszeit. Dort war die Stimmung erst mal ganz anders. Nette Leute bei der Einreise und Empfangskomitee von Ninas Arbeit da, rauf auf den Pick Up und los ging´s. Die brachten uns dann erst mal in die Casa de Huespedes des DED, wo wir die nächsten 12 Tage wohnen sollten, bis es angerichtet war mit dem Ziel alles Wichtige bis zum 24 geschafft zu haben (da sollte nämlich Jochen kommen). Am nächsten Tag wurden wir von Familie Steffi, Simon, Luki und Joel abgeholt und an den Sandino verbracht, um erst mal einen Überblick über die Stadt zu bekommen. Am nächsten Tag entführten sie uns dann an die Laguna de Apoyo, wo wir dann im 23 Grad warmen Wasser uns dachten, wie entbehrungsreich es doch der Kolonialist im allgemeinen hat.



Tja und dann ging der ganze Orgakrams los. Nachdem wir ja unser Haus in Bawinkel ausgeräumt und die Wohnung aufgegeben haben war es dann mal ganz anders alles andersherum zu machen. Gut dass ich im Februar letzten Jahres noch mit Frauke eine Fortbildung zum Thema: Schneller Wandel in Echtzeit gemacht habe. So ähnlich fühle ich mich nämlich jetzt.
So kurze Zeiträume haben aber einen Vorteil: Entscheidungen
werden im Sekundentakt gefällt. Fast systematisch haben wir uns zuerst um das
Haus gekümmert, das dauerte drei Tage. Dann Möbel, Betten, Kühlschrank, Herd
usw. alles geordert „Just in Time“ zum 20.12. Zwischendurch noch Auto gekauft –
in Anlehnung an unsere alten Dienstwagen beim MBT natürlich weiß – etwas größer
natürlich aber absolut klein im Vergleich zu den Spaceshuttles des vermögenden
Nicas. Gut waren auch die Überraschungen: Im Laden mache ich den Herd auf und
sehe, dass der Herd schwanger ist. Er brütet ein kleines Bügeleisen aus. Ich
scherze mit der Verkäuferin darüber und die erklärt mir, dass es beim Kauf
dieses Herdes ein Bügeleisen dazugibt. Ich kriege Fragezeichen ins Hirn. Der
Kühlschrank bringt unser Geschirr mit sich. Was ja auch durchaus eine innere
Logik hat. Herd = heiß, Bügeleisen = heiß. Kühli = essen, Geschirr = essen.
Also was gibt es zum Toaster dazu??? Falsch gar nichts – der war zu billig,
nicht mal ´n Stück Butter. Der Liquador verspricht beim nächsten Einkauf auf alles
was wir kaufen erst mal 10 Prozent Rabbat zu kriegen. Glücklicherweise gibt es
dann noch vor Weihnachten die „Noches de Compras“, wo mensch aber gar nicht
kaufen kann, weil die Kommunikation so schwierig ist. Weswegen? Wegen der
meterhohen Boxen aus denen Lifebands herauskommen – also die Musik. Da waren
wir aber gar nicht, die Musik konnten wir einen Kilometer weiter in der
Hospedaje noch so laut hören, dass wir beim Abendessen dachten – mensch muss ja
nicht immer reden. Das mit der lauten Musik verschaffte uns allerdings ein
wenig Linderung in Bezug auf die Knaller, die werden nämlich vom 6.12. bis 6.1.
hier überall angezündet. Diese permanente Kakophonie überhört mensch dann ja
auch bei Gewöhnung. Dummerweise gibt es hier eine Menge autonomer Autos, deren
Kommunikationsmittel – die Alarmanlage - bereits bei kleinsten Dingen angeht,
so auch bei den Krachern. Laülalülalüla, lililili, oing, oing, oing, buhu,
buhu, buhu krach, peng, zisch und zwischendrin Nachbars Mariachi dödeln. Das
alles aber nur im Dezember und nur zwischen 6 Uhr und 22:00 Uhr abends. Ach was
sind wir froh in unserem Haus, da kriegen wir das alles nämlich gar nicht so
richtig mit. Nina deutete ja schon an, dass Nica sehr relaxt ist. Hier können
wir uns locker zu Fuß, zu jeder Tages und Nachtzeit bewegen. Nachts mit dem
Auto unterwegs – kein Problem. Aber ich schweife ab. Wir befinden uns jetzt
sagen wir am 20
Dezember
und Nina und Gerd beziehen das Haus:
Im Stundentakt kommen die Leute vorbei, erst der Vermieter mit Mietvertrag, dann die Matratzen, dann Stühle und Bett, dann Kühlschrank und Herd inklusive der kleinen „Regalitos“, zwischendurch bringen uns unsere spanischen Autoverkäufer unser neues Auto vorbei. Ha! er arbeitet als Ingenieur für eine spanische Firma, die Strom an arme Leute vertickt. Unsere Dona Rosario aus der Casa de Huespedes hat erzählt, dass sie in ihrem Viertel erst mal Strom abgezapft haben. Na ja als dann die Rechnungen der neuen Firma kamen (rückwirkend für mehrere Jahre, also auch für die Zeit, als sie noch gar nicht die Besitzer waren, die Spanier), gab es eine Versammlung im Viertel und alle beschlossen, da machen wir nicht mit. So´n bisschen Strom zu bezahlen ist ja in Ordnung, auch verständlich aber soviel, das geht nicht. Also zusätzlich setzten die Leute in ihrem Viertel noch ein paar Demos an und zogen zum neuerbauten Glaspalast des Flor de Canabesitzers, Mitbesitzer der Banco de America Central, Genaralimpoteur für Toyota, Susuki, Hundai etc. und machten dem dort ansässigen spanischen Unternehmen die Hölle heiss. Jetzt bezahlt das Viertel doch eher sozialistisch: Jeder wie er kann und wenn einem der Strom abgestellt wird, dann zahlen alle aus dem Viertel nicht. Scheint mir ein guter Kompromiss zu sein. Natürlich wurden die Rechnungen dann wieder gesenkt und einige bezahlen tatsächlich die jetzt sozial-verträglichen Preise.

Das
mit dem Glaspalast habe ich nur erwähnt für die Leute, die uns besuchen wollen,
denn um die Ecke von dem Ding des Senor Pellas wohnen wir, allerdings nicht auf
20 Stockwerken, das wäre dann doch übertrieben gewesen, so mit
Helikopterlandeplatz auf´m Dach und so – oder wollte jemand mit Helikopter
kommen?? Wir haben´s kleiner, aber mit Garten, außerdem in rosa mit rot
angemahlten Backsteinen – auch sehr schön. Aber immerhin, wir bewohnen kein
knastartiges Gebäude, na ja fast keins. Gitter gibt’s schon und wir können auch
selber aufschließen und das Haus verlassen, wann immer wir wollen. Tja und da
seht Ihr, es deutet sich ein großer Konflikt an: Wenn´s zu Hause so schön ist,
warum dann das häusliche Milieu verlassen??? Natürlich gibt es auch eine nette
Kneipe und selbstverständlich zwei der besten Cafés in unserem Viertel, die
Zona Rosa (Ausgehviertel) und der fetteste Konsumtempel als Ausgeburt der
Verwerfung Kapitalismus ist um die Ecke und lockt nicht wirklich. Hier deutet
sich auch nach wie vor die Berechtigung der dependenztheoretischen Thesen an,
dass es im Trikont eine Wiederholung der Verhältnisse auf der Welt gibt. Die
Reichen fahren hier unglaublich große Toyotas und andere Luxusautos, wohnen in
reichen Vierteln von meterhohen Mauern umgeben, die Armen fahren Bus und wohnen
in Vierteln ohne Strassen aber immerhin auch meist in kleinen Steinhäusern oder
Holzhütten. Seit der Involution von 1990 hat sich die Analphabetenquote von damals
30% wieder auf den vorrevolutionären Stand von 60% geschraubt und 80 bis 90 %
der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Arbeitslosenquote liegt bei
offiziell über 50%, von der Unterbeschäftigung gar nicht zu sprechen. Im
Vergleich zu den meist subalternen Deutschen ist jedoch ein wesentlicher
Unterschied im sozialen Klima festzustellen, die Leute hier machen als Folge
der Revolution das Maul auf, diskutieren über Politik und sind richtig klasse.
Tja aber damit konnten wir uns ja noch gar nicht so richtig auseinandersetzen,
weil wir ja noch soviel angucken mussten, deshalb zurück zu uns.
Also tatsächlich am 24.12.02 war fast alles fertig, sogar die ersten Blumen waren gekauft und wir erwarteten Jochen aus Washington. Der kam auch pünktlich an und um Vorurteile zu bestätigen, schenkte er uns zu Weihnachten eine kleine Stereoanlage, womit das Glück vollkommen und die Einrichtung fertig war. Nach nettem Gelage und der ersten Flasche Centenario gingen wir ins Bett und dann kam der Tag über den Nina noch schimpfen wird.
Sylvester
haben wir dann zusammen mit Steffi und Simon und ihren Kids verbracht, Jochen,
um das nächste Vorurteil zu bestätigen briet einen 7 Kilo schweren Truthahn,
der superlecker war und so kamen wir vollgefressen und bester Laune ins neue
Jahr. Leider musste er, Jochen nicht der Truthahn uns bereits am 2 Januar
verlassen und wieder arbeiten. Nina und nutzten dann die letzten Tage, um
weiter nach schönen Stränden Ausschau zu halten (unser Besuch soll sich ja hier
wohlfühlen) und in der Tat, in Poneloya bei Leon wurden wir fündig, netter
Strand, nette Posada, nette Atmosphäre und ließen es uns gut gehen.
Seit dem 6.Januar ist Nina am arbeiten und ich sitze zu Hause und bewege die Dinge des Hauses, habe damit zu tun unser fast neues Auto zwischen den Werkstätten hin und herzufahren, den Anschluss ans Internett zu organisieren, Nina ein Händy zu besorgen etc. Alles fast sinnvolle Dinge. Nina hingegen wurde doch sehr überrascht von der postsozialistischen Organisationsform von CENIDH. Obwohl die inhaltlich super sind und richtig nette Leute und sie Glück im Unglück hat, dass nämlich ihr Team eine Insel in diesem Laden ist, ist es gewöhnungsbedürftig für mündige und freie Menschen. So gibt es strikt festgelegte Arbeitszeiten von 8 bis 17 Uhr. Das dies geschieht, dafür sorgt eine Person am Eingang, die eine unterbeschäftigte Form von Stechuhr darstellt und die Anwesenheit kontrolliert. Alles was diese Stechuhrperson nicht erfasst findet ergo auch nicht statt. Wochenendarbeit und so weiter, die durchaus häufig vorkommt, kann demzufolge auch nicht als Arbeitszeit anerkannt werden und darf nicht abgefeiert werden. Um ihre Mitarbeiter so richtig zu motivieren gibt denn logischerweise auch eine klare Hierarchie. Präsidentin hat alles zu bestimmen. Bestimmt Präsidentin nicht so gibt es noch den Direktor, der etwas moderater herrscht, eher „tipo“ aufgeklärter Fürst. Das gibt es eine Sitzung des Direktoriums auf der werden die Entscheidungen verkündet, damit diese dann durch die Koordinatoren weitergeleitet wird. Na ja für uns klafft da schon eine gewisse Lücke zwischen den inhaltliche Ansprüchen für Menschenrechte einzutreten und nach innen ein Bottom down Regime zu haben. Mal sehen wie das wird.
Aber Nica ist wirklich schön, klasse:, „vale la pena“, z.B. der Volcan de Masaya:




Auch, wenn die Geschichte manchmal die Stimmung vertrübt. So hat der Diktator Somoza die politischen Gefangenen per Hubschrauber in das grüne stinkende Loch des Vulkans geworfen. Also jetzt ein kleiner Eindruck von Nina, die soll ja schließlich auch zu Wort kommen.
4.1.03
Nina:
Hallo Ihr Lieben,
nun sitze ich Konstantin Wecker und Hannes Wader hörend in unserer Sala und habe den ersten Tag nichts weiteres vor als in unserem schönen Haus rumzumachen. Und das habe ich bisher sehr, sehr genossen!!!
Trotzdem
war die Zeit bisher wunderbar, bis gestern war Jochen da und wir haben versucht
Ferien zu machen, aber wie das mit den beiden so ist, haben wir natürlich
zunächst nur im Auto gesessen und einen ganzen Tag den Strand gesucht. Das vor
allem, weil sie keine große Strasse fahren wollten sondern eine nette kleine
Nebenstraßen, die sich, wie konnte es anders sein, als bucklige Sandpiste
herausstellte. Als wir es dann trotzdem endlich bis in Meernähe geschafft
hatten (hier zahlt sich unser Vier-Rad-Antrieb-Auto schon aus), waren doch
glatt Pflöcke in den Weg gerammt, so dass man nicht ans Meer ran kam, sondern
noch einganzes Stück entfernt, jenseits des Ortes anhalten musste. Dumm war
nur, dass man auch keinen anderen Weg erreichen konnte, die lagen alle hinter
der Absperrung, so dass wir letztendlich die ganze hubbelige Strecke wieder
zurück mussten. Wie ihr Euch vorstellen könnt, war die Stimmung an Bord
dementsprechend mies, zu mal wir dann zwar an einer anderen Stelle ans Meer
kamen, aber von dort auch nicht mehr weg und mittlerweile wurde es dunkel und
wir hatten noch keinen Schlafplatz..... Da brauchten wir wohl erst mal wieder
eine Eingewöhnungszeit um uns an das Kartenlesen und Schlafplatz suchen unter
mittelamerikanischen Bedingungen zu gewöhnen. Der erste Versuch ging jedenfalls
ziemlich in die Hose, aber die großen Strände und Wege hätten halt auch
Weihnachtsverkehr bedeutet und darauf hatten wir auch keine Lust. Nun ja, so
ging es dann doch wieder an unsere heißgeliebte Lagune Apoyo, bis dahin der
schönste Ort, den wir hier kennen oder auch sonst auf der Welt gesehen haben.
Macht dem Hotel in Atenas / Costa Rica (angeblich das beste Klima der Welt
dort, manche werden sich erinnern...) direkt Konkurrenz.
Leider hatte aber das schöne Hotel an der Lagune auch keinen Platz mehr für uns frei aber immerhin konnten wir dort ins Wasser springen und uns zumindest mal abkühlen. Immer noch auf der Suche noch dem ultimativen Schlafplatz sind wir dann aber immer noch nicht nach Hause gefahren, sondern nach Granada, der ältesten Kolonialstadt Mittelamerikas und waren dann doch recht beeindruckt von dem architektonisch wunderschön gestylten Häusern die vor allem auch noch zum Teil neu renoviert sind. Wunderschön, vor allem aus Managua kommend, das ja nun alles bietet nur gewiss keinerlei architektonisch Interessantes. Doch leider war auch hier, selbst in den schönen, edlen fünf Sterne Hotels kein Zimmer mehr zu haben und auf miefige durchgehangene Betten hatten wir keine Lust, denn unsere super edlen Matratzen riefen zu Hause und so nahmen wir noch eingepflegtes Bier am Zocalo, guckten uns Folkloristische Tänze des Tourismus-Institutes an (alles zwischen 21.00 und 22.00 Uhr, wer Lateinamerika kennt, weiss, das es fast kein anderes Land auf diesem Kontinent gibt, wo man noch so locker und gelassen mitten in der Nacht auf der Strasse feiern kann!! Nica machts möglich!) Und so fuhren wir dann doch in unser schönes Heim, und waren alle drei ganz froh, wieder zu Hause zu sein, nach diesem etwas frustrierendem aber doch auch schönen Tag.
Gerd:
also das war natürlich fast alles ganz anders an diesem Tag, aufgrund Jochens und meines Wegvorschlags haben wir einen absolut einsamen Strand an diesem Tag „entdeckt“ und auch die warme Cola beim Ort wo der Weg aufhörte war doch dann ganz lecker sowie das üppige Mittagsmal bestehend aus Crackern und Tortillachips. Außerdem haben wir an diesem Tag auch ca. 1/8 des Landes gesehen.